Tage 13-16

06.10.10

Von: Jürgen Mennel

Ich habe mich entschieden das Tagebuch ab jetzt in Blöcken zu führen. Das ist für mich praktischer wenn ich unterwegs bin.

Wie gesagt, das Verkehrsaufkommen ist fast die gesamte Küstenstraße entlang enorm hoch. Noch viel höher als vermutet! Das bedeutet, dass zahlreiche Streckenabschnitte mit unverantwortlichem Risiko durchlaufen werden müssten.

Um diese enormen Risiken zu vermeiden mussten jetzt zahlreiche Ausweichstrecken genutzt werden. Dies erwies sich als besonders schwierig, da zum Beispiel geeignete Sportplätze meistens abgeschlossen waren und nicht jeder Platzwart damit einverstanden war, dass ich diesen nutzen dürfte.
Durch die Suche nach Ausweichstrecken ging sehr viel Zeit verloren, so dass nur durch das Erhöhen der Geschwindigkeit, die angestrebten Tageskilometer erreicht werden konnten.
Ein weiterer Zeiträuber war auch die tägliche Hotel -, bzw. Zimmersuche. Oftmals suchte man vergebens bis zu zwei Stunden. Diese verlorene Zeit ging von meiner eingeplanten Regenerationsphase ab.
In diesem Zusammenhang seien auch die markantesten Unterkünfte zu erwähnen:

Porto Riccanati (mit seiner lebendigen Innenstadt und echt südländischen Flair, seiner tollen Strandpromenade und dem super Sportplätzen) und Lido Riccio

Besonders mysteriös war Lido Riccio, schon der erste Eindruck lies eher auf Geisterstadt schließen, als auf ein Urlaubsparadies. Die Türen der Hotels und Restaurants waren, obwohl geöffnet, stets verschlossen. Ohne einen Gedanken an Gefahr zu verschwenden startete ich am späten Abend um am Strand zu laufen. Die romantische Stimmung (die unweigerlich aufkommt, wenn man am Meer im gleißendem Licht läuft), wurde plötzlich von einem Taucher mit Tiefseeausrüstung unterbrochen. Ich schöpfte noch keinen Verdacht und stellte mir vor wie das Meer wohl bei Dunkelheit unter Wasser aussehen würde. Ich lief meine Runden. Also jedoch plötzlich zwei Gestalten mit dicken Jacken am Strand auftauchten, wurde mir schon etwas mulmig. Die Situation schien bedrohlich zu werden. Die Gestalten begannen Gegenstände von den Wellenbrechern vor der Küste zu holen. Dabei wurde ich argwöhnisch beobachtet und sobald ich mich näherte, verbargen sie ihre Gesichter vor mir. Ich trat sofort die Flucht an, das Verhalten war eindeutig, hier sollte etwas im Verborgenen bleiben. Zurück im Hotel konnte ich mich wieder etwas entspannen und war froh dass ich es gesund zurück geschafft hatte.
Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten, da leider für größere Gespräche mit den einheimischen Italienern einfach zu wenig Zeit ist. Auch das Sightseeing kommt zu kurz. Ich muss all meine Konzentration aufbringen, um meine Körpersignale (Körpertemperaturschwankungen, Ausgleich von Flüssigkeitsverlusten und Nahrungsdefiziten, Erkennen von Absteigender Energieverfassung mit dem dazu notwendigen entgegensteuern, aber auch das genaue positive Erkennen von sich abzeichnenden Energiehochs) zu erkennen und richtig zu interpretieren.
Ich spürte instinktiv, dass jeder kleine Fehler oder jede Nachlässigkeit das sofortige Ende für den Lauf nach Athen bedeuten könnte. Hierzu ein Beispiel, nach einer erfolgreichen Tagesetappe entschloss ich mich ein kurzes erfrischendes Bad im Meer zu nehmen. Ein folgenschwerer Fehler! 2 Sekunden im kühlen Nass reichten aus, dass trotz sonnigen Wetter und Temperaturen über 20°C, meine Körpertemperatur stark absank und ich zu frösteln anfing. Ich erkannte die Symptome, welche in Heiß/Kalt Zuständen endeten, sofort und konnte, dank meiner Erfahrung direkt darauf reagieren. Ich wurde schlagartig aktiv! Die Angst vor dem Aus, machte mich hell wach, trotz sich einstellender Lethargie. Ich begann, mit dicken Pullover und langer Hose, langsame Runden am Strand zulaufen. Durch einen speziellen Atemrhythmus schaffte ich es das schlimmste zu verhindern, und konnte bald wieder mit gewohnten Geschwindigkeiten Kilometer machen.
Doch nicht nur solche Rückschläge machen mir zu schaffen, auch der Kalorienbedarf hat sich, 12 Tage nach dem Start, sehr stark erhöht. Nach einem üppigen Abendessen mit 2-3 Milchshakes und Tiramisu hatte ich auch gleich am Morgen wieder, nach den Nacht- und Früh - Etappen, beim Frühstück einen riesen Appetit. Das Verspeisen von vier Käsebrötchen und 7 bis 8 kleiner Italienischer Cornettis oder Kuchen waren keine Seltenheit.
Als weitere Hauptnahrungsmittel dienten unteranderem Fisch und Spagetti mit Meeresfrüchten.
Trotz der vielen negativen Erfahrungen, ist meine Muskulatur immer noch in sehr guter Verfassung. Offenbar hat sie sich darauf eingestellt Athen per Pedes zu erreichen. Dadurch kann ich das Tempo bis zu 3 mal am Tag erhöhen, was sich in der Tageskilometer Abrechnung positiv niederschlägt. Selbst früh morgens ist mittlerweile nicht nur leichtes, langsames Einlaufen möglich. Ich kann nach 2km, schon beschleunigt laufen. Hoffentlich steigert sich dies noch! Momentan ist wirklich alles dem Erreichen der Kilometer untergeordnet. Ich bin zwar im Kopf schon weit über Brindisi hinaus und manchmal ertappe ich mich auch dabei, wie ich Gedanke und somit Konzentration an Athen verschwende. Aber ich bin einfach noch nicht in Athen und jederzeit kann die Situation sich ändern. Die Gefahr des Abbrechens läuft mit! Ich kämpfe mit den stetig wachsenden Kilometerzahlen auch mit zunehmender Demotivation, ich spule die Kilometer eher herunter, als dass ich das Laufen genieße. Ich versuche dem gedanklichen Vorneweg laufen mit einer nüchternen, fast schon stoischen Einstellung entgegenzuwirken. Es lastet ein unglaublicher Druck auf mir und momentan ist es mir nicht möglich diesen Druck durch das Laufen abzubauen, eher das Gegenteil ist der Fall. Die Angst kurz vor dem Ziel das Rennen zu verlieren ist einfach zu groß. Mittlerweile habe ich einen Kilometerstand von 1500 in 15 Tagen und 18 Stunden und befinde mich zwischen Margherita di Savoia und Bari. Bari ist also in greifbarer Nähe und somit auch Brindisi!