Das Kreuz mit dem Kreuz

Knochen sind Meisterwerke der Evolution. Sie erreichen bei minimalem Materialaufwand hohe Festigkeit. Allerdings wollen sie gefordert werden. Rückenschmerzen und Knochenbrüche erleidet eher, wer sich ein Leben lang schont. Wir sind von Natur aus Läufer, und so sollten wir auch leben.

Im Jahr 1753 -- lange bevor Darwin die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen darlegte -- erklärte der französische Naturforscher Georges Louis Leclerc de Buffon: "Man nehme das Skelett des Menschen, biege die Knochen des Beckens, verkürze die Knochen der Oberschenkel, Unterschenkel und Arme, verlängere die der Füße und Hände, schweiße die Finger- und Zehenglieder zusammen, verlängere die Kiefer und verkürze dabei das Schienbein und verlängere schließlich das Rückgrat: Dieses Skelett wird nicht länger die sterbliche Hülle eines Menschen darstellen, sondern das Skelett eines Pferdes sein."

Buffon sprach aus, was schon damals jedem Anatomen auffallen konnte: Der Grundbauplan aller Säugetiere ist der gleiche. Dennoch unterscheiden sich die Tiere erheblich in ihren körperlichen Fähigkeiten. Allein der Mensch glänzt nicht nur durch geistige Überlegenheit, sondern auch im Hinblick auf die körperliche Leistungsfähigkeit -- zumindest was die Vielseitigkeit betrifft. Für alle Arten von körperlicher Betätigung finden wir Tiere, im Vergleich zu denen wir eine ziemlich schlechte Figur abgeben. Doch im Mehrkampf liegen wir weit vorn. Ein normaler Erwachsener kann ohne besonderes Training, was kein Tier schafft: 25 Kilometer am Stück wandern, 150 Meter schnell sprinten, 1500 Meter zügig joggen, auf einen hohen Baum klettern, über einen drei Meter breiten Graben springen, zwei Meter tief tauchen und 200 Meter einigermaßen flott schwimmen. Während unsere Schwimmfähigkeit wesentlich davon abhängt, dass irgendwann denkende Menschen die entsprechenden Techniken erfunden haben, ist die Fähigkeit zu laufen uns von Natur aus gegeben. Das Laufen ist ein zentraler Bestandteil unserer Natur. Allerdings erst seit wenigen Millionen Jahren -- erdgeschichtlich betrachtet also seit Kurzem.

Bevor die Savannen entstanden und wir uns aus dem Schutz der Bäume herauswagten, haben sich unsere Vorfahren rund 60 Millionen Jahre lang im Klettern geübt. Davor waren wir auf allen vieren am Boden unterwegs. Noch früher ganz ohne Beine im Wasser. Evolution bedeutet ständigen Umbau. Und Umbau bedeutet Kompromisse, denn am Grundbauplan ist nichts zu ändern. So haben beispielsweise alle Wirbeltiere höchstens sieben Halswirbel -- selbst die Giraffe, obwohl ihr ein paar mehr schon nützlich sein könnten.

Auch unser Körper besteht aus Kompromissen. Beim letzten großen Umbau zum Läufer, der vor allem unsere äußere Statur betraf, mussten wir eine Reihe von Nachteilen in Kauf nehmen. Mit diesen müssen wir bis heute zurechtkommen. Viele von uns haben deshalb Probleme mit dem Rücken und den Gelenken.
Grob gesagt lässt sich die etwas missliche Lage wie folgt beschreiben: Wir tragen heute einen großen Kopf, der in den letzten zwei Millionen Jahren seine außerordentliche Größe erlangt hat, auf einem Rumpf mit flachem Brustkorb, der sich vor rund 15 Millionen Jahren als Anpassung an unsere damals bevorzugte Fortbewegungsweise, das "Schwinghangeln", entwickelte, und unten enden wir mit unseren Laufbeinen, die sich vor rund fünf bis einer Million Jahren bildeten. Passt das alles zusammen? Nun, es muss eben. Wir haben uns daran gewöhnt. Allerdings: Sieben von zehn Deutschen plagen mindestens einmal im Jahr Rückenschmerzen. Bei Männern sind diese mit 14 Prozent die häufigste, bei Frauen mit 11 Prozent die zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle. Mindestens ein Drittel aller vorzeitigen Rentenanträge wird wegen eines chronischen Rückenleidens gestellt. In Deutschland entstehen jedes Jahr Kosten von über 15 Milliarden Euro durch Rückenerkrankungen.

Die Probleme, die uns die Evolution beschert hat, sind nicht von der Hand zu weisen. Sie entstehen im Wesentlichen aus zwei Gründen. Zum einen sind sie den Umbauten der Vergangenheit geschuldet. Und zum anderen der Tatsache, dass wir nicht mehr das Dasein als Läufer führen, an das wir uns zuletzt angepasst haben. Der zweite Grund, der Bewegungsmangel bei einer beträchtlichen Zahl von Menschen, dürfte der entscheidende Faktor für die Vielzahl von Rückenleiden sein.

Aufrechte Wirbelsäule

Die Wirbelsäule ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Körperbaus. Seit rund 500 Millionen Jahren sind alle Wirbeltiere -- vom Fisch über den Frosch über die Eidechse und die Elster bis hin zu Kuh und Mensch -- damit ausgestattet. Aber die Unterschiede sind erheblich. Das sieht man, wenn man das, was von der Forelle nach dem Essen auf dem Teller liegen bleibt, mit dem vergleicht, was wir auf dem Röntgenbild sehen, wenn wir den Arzt wegen Rückenschmerzen aufgesucht haben.

Die menschliche Wirbelsäule verfügt über sieben Hals-, zwölf Brust-, fünf Lenden- und fünf zum Kreuzbein zusammengewachsene Kreuzwirbel. Ganz unten hängt dann noch das Steißbein dran. Die längste Zeit der 500 Millionen Jahre reichte die Wirbelsäule vom vorderen zum hinteren Ende des Tiers, wurde also mehr oder weniger horizontal durch die Gegend getragen, was insbesondere im Wasser ganz andere Anforderungen an sie gestellt hat. Bei uns verbindet sie jedoch seit rund fünf Millionen Jahren nur das obere mit dem unteren Ende des Rumpfes. Die Wirbel werden seitdem durch die Aktivität der Muskeln und zu einem geringeren Teil auch durch das Gewicht des Körpers und des schweren Kopfes belastet. Das war nicht der Zweck des ursprünglichen Bauplans. Wir haben aber einige Anpassungen erfahren, die dieser Problematik Rechnung tragen. Die Wirbelsäule des Menschen hat eine sogenannte Doppel-S-Form. Diese entsteht erst nach der Geburt, denn im Mutterleib schwimmen wir ja noch.
Sie ist abwechselnd zweimal nach vorn und zweimal nach hinten gewölbt. Die Wirbelsäule des Fötus hingegen beschreibt noch einen einzigen gleichmäßigen Bogen. Im dritten Lebensmonat, wenn der Säugling den Kopf hebt, bildet sich die entgegengesetzte Halskrümmung. Später, wenn sich das Kind aufrichtet, schließlich steht und geht, bildet sich die Krümmung im Lendenbereich und damit die endgültige Doppel-S-Form. Sie dient dazu, das Gewicht des Rumpfes mit seinem Schwerpunkt so über der Fläche der Füße zu positionieren, dass wir nicht umkippen. Und sie bietet eine Federung beim Gehen und Laufen.

*Empfindliche Stoßdämpfer* Zwischen den einzelnen Wirbeln sitzen kleine Dämpfer, die Bandscheiben. Sie sind Überreste des Vorläufers des Rückgrats, der knorpeligen Chorda (deshalb gehören wir als Unterstamm der Wirbeltiere zum Stamm der sogenannten Chordaten). Die Bandscheiben heißen deshalb so, weil die gallertartigen Pölsterchen von einem Faserring (Band) zusammengehalten werden. Dieser Faserring kann mit den Jahren an Stabilität verlieren, und so steigt die Gefahr, dass er reißt und seitlich Gewebe vom weichen Kern herausrutscht, welches gegen Rückenmark oder Nerven drückt. Die Folge können Schmerzen sein, im schlimmsten Fall Lähmungserscheinungen. In Deutschland kommt das bei 150 000 Patienten pro Jahr vor, jeder fünfte davon wird operiert. Ein solches Verrutschen wird zum Beispiel durch falsches Heben ausgelöst. Voraussetzung ist jedoch, dass die Bandscheibe schon geschädigt ist, sonst passiert so etwas kaum.

Ein Blick in unsere Vergangenheit erklärt, weshalb wir anfällig für diese Verletzung sind. Es liegt zum einen an der permanenten Krümmung der Lendenwirbelsäule nach vorn, die Teil der beschriebenen Doppel-S-Form ist. Zum anderen ist die Wirbelsäule recht beweglich. Sie musste sich in der Vergangenheit nach links und rechts biegen lassen, um die schlängelnde Bewegung von Fischen, Lurchen und Schlangen zu ermöglichen. Und sie musste sich nach oben und unten (heute in aufrechter Haltung: vor und zurück) biegen lassen, damit sich Säugetiere auf ihren vier Beinen bewegen konnten, nachdem diese von der Seite unter den Körper gewandert waren. Dieses Erbe schleppen wir mit uns herum, weil die Evolution immer nur auf dem schon Bestehenden aufbauen kann. Die Wirbel verfügen zwar über ineinandergreifende Fortsätze, die schon entstanden, als einige Fische sich zu Landbewohnern entwickelten. Diese stabilisieren die Wirbelsäule etwas. Dennoch bleibt sie sehr beweglich, wozu auch die Bandscheiben als sogenannte unechte Gelenke beitragen.

Deshalb ist es wichtig, dass man beim Heben schwerer Gegenstände die Wirbelsäule möglichst gerade hält, um zu vermeiden, dass seitliche Kräfte angreifen können. Heben mit krummem Rücken belastet die Bandscheiben bis zu viermal stärker als in der aufrechten Position und kann sowohl zu Bandscheibenvorfällen als auch, seltener, zu Muskelverletzungen führen, da die entstehenden Biege- und Drehmomente von den Muskeln ausbalanciert werden müssen. Entsprechend sollten sich die Füße so nahe wie möglich an der Last befinden. Zum Heben der Last geht man am besten in die Hocke und stemmt sie aus den Knien heraus.

Letztlich ist das falsche Heben jedoch nicht Ursache, sondern nur
unmittelbarer Auslöser eines Bandscheibenvorfalls. Wenn die Bandscheibe verrutscht, ist sie längst beschädigt. Ob man Bandscheibenprobleme bekommt oder nicht, hängt auch stark von den Genen ab -- hauptverantwortlich ist wohl eine angeborene Bindegewebsschwäche. Dennoch kann man etwas zur Vorbeugung tun. Ungünstig sind Bewegungsmangel und Fehlhaltungen, vor allem bei der Büroarbeit. Wenn man sein Risiko verringern möchte, sollte man beachten: Viel bewegen, wenig sitzen! Und wenn schon sitzen, dann lieber hinlümmeln als aufrecht. Am wenigsten belastet man seine Wirbelsäule, wenn man locker zurückgelehnt sitzt, sodass der Winkel zwischen Sitzfläche und Oberkörper nicht 90, sondern 135 Grad beträgt.Auch ist eine Beugung nach vorn besser, als wenn man aufrecht sitzt.

Warum hat es die Evolution nicht geschafft, die Wirbelsäule so robust zu machen, dass nichts verrutschen kann? Schließlich muss ein Bandscheibenvorfall die Überlebenschancen unserer Vorfahren in der Savanne drastisch gesenkt haben. Müsste die natürliche Auslese nicht jede zufällige Rückgratversteifung begünstigen? Wohl kaum, denn mit einem Stock im Kreuz rennt es sich nicht gut. So ist es bei vielen Dingen: Verändert man ein Merkmal im Hinblick auf einen bestimmten Vorteil, leidet ein anderes. Letztlich sind alle unsere körperlichen Merkmale Kompromisse.

Rückenschmerzen im heutigen Ausmaß sind eine moderne Erscheinung -- es wäre zu leicht, die Evolution verantwortlich zu machen. Sie hat sehr wohl Lösungen hervorgebracht. Die bei unseren Vorfahren für ihren Lebenswandel unabdingbare, gut ausgeprägte Rückenmuskulatur stabilisiert die Wirbelsäule auf vortreffliche Weise. Dabei spielt offenbar ein Muskel mit Namen Multifidus eine besondere Rolle, der sehr spezielle Eigenschaften hat und beim Übergang zum aufrechten Gang noch verbessert wurde. Er ist dünn und verläuft wie ein faseriger Stift entlang der Wirbelsäule. Im Gegensatz zu anderen Muskeln wird er nicht schwächer, wenn er gedehnt wird, sondern stärker.

In den allermeisten Fällen entstehen Rückenschmerzen nicht durch zu viel, sondern durch zu wenig körperliche Belastung. Es ist die schwache Rückenmuskulatur des Büroarbeiters und Autofahrers, die der Wirbelsäule nicht mehr genug Halt und Schutz bieten kann. Von den 20 Prozent der Deutschen, die keinerlei Sport treiben, leidet deshalb jeder zweite unter Rückenschmerzen. Unsere Vorfahren hingegen waren durch ihr tägliches Laufpensum besser gewappnet gegen solche Leiden. Regelmäßiger Sport ist also auch für uns der beste Schutz gegen Rückenprobleme.

Autor

Thilo Spahl

E-Mail: thilospahl(at)web.de

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