Möglichkeiten von Sport bei Patienten mit Tumorerkrankungen

Noch bis Anfang der 90er Jahre lautete die übliche Empfehlung für Tumorpatienten Ruhe und Schonung. Diese Einstellung basierte auf die Tatsache, dass die körperliche Leistungsfähigkeit der Tumorpatienten häufig stark eingeschränkt ist. Die Erkrankung und ihre Behandlung können zahlreiche funktionelle und anatomische Veränderungen und dadurch einen Verlust an Leistungsfähigkeit verursachen. Die reduzierte Belastbarkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der anhaltenden Müdigkeit und Erschöpfung der Tumorpatienten (Fatigue-Syndrom). Dieser Beschwerdenkomplex besteht aus einer Einschränkung der kognitiven und körperlichen Leistungsfähigkeit sowie aus spezifischen mentalen Beschwerden (Frust, Reizbarkeit, Motivationsmangel, Schläfrigkeit). Mehrere Studien haben belegt, dass bis 80 Prozent der Tumorpatienten von diesen Problemen betroffen sein können. Die Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des Fatigue-Syndroms. Als Folge der Leistungs!
einbuße haben viele Patienten während und nach der Behandlung sogar bei geringen Belastungen Beschwerden wie Kurzatmigkeit, Tachykardie oder rasche Ermüdung. Um die Symptome zu verringern, wird in der Praxis häufig empfohlen, körperliche Belastungen zu reduzieren. Jedoch führen diese Maßnahmen zu einem Bewegungsmangel. Dadurch wird der weitere Muskelabbau beschleunigt und verstärkt. So werden die normalen Aktivitäten für die Patienten immer anstrengender. Es entsteht dann ein Teufelskreis von verminderter Aktivität aufgrund der raschen Erschöpfbarkeit und weiterer Abnahme der Leistungsfähigkeit durch Bewegungsmangel.

Mehrere Studien haben die positiven Effekte der regelmäßigen körperlichen Aktivität bei Tumorpatienten belegt. Mittlerweile ist die Teilnahme am Freizeit- und Leistungssport nach Tumorerkrankungen kein Ausnahmephänomen mehr. Die Extremfälle stellen Weltklasseathleten wie Ludmila Engqvist und Lance Armstrong dar, die nach einer Tumorbehandlung Siege bei internationalen Wettbewerben errangen. Aber es sind auch bundesweit zahlreiche Sportgruppen für Patienten in der Krebsnachsorge entstanden. Regelmäßige körperliche Aktivität führt unter anderem zu einer Zunahme der Muskelmasse und -kraft und des Plasmavolumens, einer vermehrten Kapillarisierung der Muskulatur, einer erhöhten kardialen Pumpreserve und einer Ökonomisierung der kardiovaskulären Funktion. Diese Veränderungen resultieren in eine Zunahme der Leistungsfähigkeit und dadurch in einer Abnahme der Fatigue. Gleichzeitig kann Sport einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des psychischen Status leisten. Bei den Patienten bewirken die Angst und Unsicherheit eine zusätzliche Belastung. Das Gefühl der Abhängigkeit und der ungenügenden Belastbarkeit haben einen deutlichen negativen Effekt auf das psychosoziale Empfinden. Ein gezieltes Aufbautrainingsprogramm kann zu einer Linderung dieser Probleme beitragen. Die Zunahme der Leistungsfähigkeit als Folge des Trainings führt zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins, des Wohlbefindens und der Lebensqualität. Die Patienten spüren auch, dass sie durch Bewegung aktiv einen wichtigen Teil zum eigenen Genesungsprozess beitragen können. Besonders bei Patienten mit einem Fatigue-Syndrom kann dieses Erlebnis dem Gefühl von Nutz- und Hilflosigkeit entgegentreten.

Die positiven Effekte von Sport sind nicht auf eine bessere körperliche Leistungsfähigkeit oder einen reduzierten mentalen Stress begrenzt. Neue Studien belegen, dass regelmäßige körperliche Aktivität während der Tumortherapie eine Reduktion der behandlungsbedingten Beschwerden wie Übelkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen und Schmerz bewirkt. Gleichzeitig suggerieren die Befunde randomisierter Studien, dass ein tägliches Ausdauertrainingsprogramm zu einer schnelleren und vollständigeren Wiederherstellung der Hämatopoese bei Patienten nach intensivierten Chemotherapieprotokollen führen kann.

Körperliche Aktivität kann mit unterschiedlichen Zielen in allen Phasen der Therapie (akute stationäre oder ambulante Behandlung, Rehabilitationsklinik, wohnortnahe Nachsorge und palliative Situation) Anwendung finden. Bei Patienten in einem stabilen klinischen Zustand ist regelmäßige körperliche Aktivität grundsätzlich zu empfehlen, so lange keine Kontraindikationen vorliegen. Es gilt die Regel: Jeder Patient, der sich belasten darf, sollte trainieren. Für die Gestaltung eines Trainingsprogramms ist eine enge Kooperation zwischen dem Onkologen/Hämatologen, dem Sportmediziner und dem Physiotherapeut oder Übungsleiter notwendig. Die Aktivitätsprogramme für onkologische Patienten müssen die individuellen Einschränkungen, Möglichkeiten und Vorlieben berücksichtigen, um die Motivation zur Teilnahme zu erhöhen.

Bei einem Ausdauertraining soll die Intensität bei einem Puls von 70 bis 80% der maximalen Herzfrequenz liegen. Diese Belastungen werden von den meisten Patienten sehr gut toleriert, sodass das Trainingsprogramm täglich durchgeführt werden kann. Für Patienten, die am Anfang des Programms bei dieser Intensität nur eine kurze Zeit trainieren können, hat sich in der Praxis ein Intervalltraining bewährt. Die gesamte Belastungszeit bleibt in der Regel bei ca. 30-40 Minuten pro Sitzung.

Das Krafttraining kann an Geräten, mit Hilfsmitteln (Hanteln, Tera-Band, Gummiseilen) oder mit dem eigenen Körpergewicht durchgeführt werden. Bei Thrombopenien unter 50/µl sollte eine Belastungsintensität von ca. 70% der Maximalkraft nicht überschritten werden, um das Risiko von Gefäßverletzungen und Blutungen als Folge des gesteigerten Blutdrucks zu minimieren. Bei Patienten mit eingeschränkter Mobilität oder motorischen Defiziten als Folge von Operationen oder Polyneuropathie kann das Training bei einer viel geringeren Intensität mit dem Ziel der Verbesserung der Muskelkoordination durchgeführt werden.

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Patienten von einem Trainingsprogramm profitieren, ist körperliche Aktivität in bestimmten Situationen untersagt. Zu den absoluten Kontraindikationen zählen die akuten Erkrankungen oder die Schube bei chronischen Krankheiten, fieberhafte Infekte und neu aufgetretene Schmerzen sowie eine Thrombopenie unter 20/nl. Eine Anämie schränkt die maximale Belastbarkeit als Folge der reduzierten Sauerstoffzufuhr zur Muskulatur ein. Bei diesen Patienten muss die Trainingsintensität entsprechend angepasst werden. Die Leukopenie bzw. Neutropenie stellen bei Einhaltung der hygienischen Maßnahmen für den Umgang mit immunsupprimierten Patienten keine Kontraindikation für körperliche Aktivität dar. Bei begleitenden Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, pAVK, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus oder Arthrose ist in der Regel eine Anpassung der Belastungsintensität erforderlich.

Da mehrere Zytostatika potenziell das Herz oder die Nieren schädigen können, sollten sich die Patienten an den Tagen schonen, wenn sie Chemotherapeutika erhalten. In den therapiefreien Tagen ist eine Fortsetzung des Trainings möglich. Die Bestrahlung stellt keine Kontraindikation für ein Trainingsprogramm dar. Wie mehrere Studien belegen, führt Ausdauertraining während der Bestrahlung zu einer deutlichen Reduktion der Beschwerden und eine Zunahme der Lebensqualität.

Die Auswirkung eines Trainingsprogramms auf die Überlebenszeit der Tumorpatienten ist eine noch offene Frage. Hypothetisch können regelmäßige körperliche Belastungen das Tumorwachstum durch unterschiedliche Mechanismen beeinflussen. Physikalische Faktoren wie erhöhte Körpertemperatur, mechanische Belastung und vermehrte lokale Durchblutung können eine Auswirkung auf den Primärtumor sowie auf die Entstehung und Wachstum von Metastasen haben. Des Weiteren bewirkt die körperliche Aktivität eine vermehrte Freisetzung von Wachstumsfaktoren (VEGF, IGF-1, Interleukine), welche unter anderem die Bildung von Gefäßen, die Eiweißsynthese und die Aktivität des Immunsystems regulieren. Die direkte Wirkung dieser Faktoren auf die Tumorzellen bzw. ihre Interaktion in vivo sind unbekannt. Aus diesem Grund bleibt die Diskussion über potenzielle Pro und Contras von körperlicher Aktivität bei Tumorpatienten derzeit theoretisch. Drei Studien haben auf eine geringere Häufigkeit von Rezidiven bei!
 Patienten mit Brust- oder Dickdarmtumoren hingewiesen, die körperlich aktiv sind. Trotz der hohen Aussagekraft dieser Studien ist eine Bestätigung der Befunde durch weitere Untersuchungen erforderlich. Die günstigen Effekte von Sport auf die Leistungsfähigkeit, die Stimmung und die Lebensqualität sprechen jedoch deutlich für eine breite Anwendung von Trainingsprogrammen bei Tumorpatienten.

Autor

Priv.-Doz. Dr. med. Fernando C. Dimeo
Bereich Sportmedizin
Charité Campus Benjamin Franklin
Hindenburgdamm 30
12200 Berlin

E-Mail: Fernando.Dimeo(at)charite.de

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