Ausdauersport in der Migränetherapie

Die Migräne ist der wichtigste Kopfschmerz, der den Patienten zum Arzt führt, etwa 12 bis 15 % der Erwachsenenbevölkerung    sind    betroffen.    Die Therapie der Migräne konzentriert sich auf zwei wesentliche Aspekte:

1. Attackentherapie

Die Attackentherapie versucht, rasch und anhaltend
die    Symptome    eines    Migräneanfalls    (meist einseitiger, pulsierender, heftiger Kopfschmerz, begleitete von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, mit Zunahme bei körperlicher Aktivität) zu beseitigen. Hier können leitliniengerecht Analgetika, hoch dosiert frühzeitig eingesetzt, im Anfall zum Einsatz kommen (ASS 1000 mg, Paracetamol 1000 mg, Ibuprofen 400 bis 600 mg, Kombination ASS und Paracetamol und Koffein). Sollten diese nicht ausreichend gut wirken, werden unter Beachtung der Kontraindikation Triptane
eingesetzt.

2. Prophylaxe

Insbesondere wenn drei und mehr Migräneattacken im Monat auftreten, sollte eine vorbeugende Behandlung begonnen werden. Notwendig ist es, den Patienten von Anfang an zu erläutern, dass diese auf zwei Säulen ruht. An erster Stelle stehen nichtmedikamentöse prophylaktische Verfahren, die wenn möglich immer zur Anwendung kommen sollten. Ist dies nicht ausreichend, werden zusätzlich medikamentöse Prophylaktika eingesetzt. Die Vorbehalte der Patienten gegenüber einer medikamentösen Prophylaxe, die leitlinienentsprechend als Therapie der ersten Wahl den Einsatz eines Betablockers umfasst, sind recht groß, nur etwa die Hälfte der Patienten, der diese Therapie empfohlen wird, nimmt die Präparate dann im Verlauf tatsächlich ein. Ziel der Prophylaxe ist es, die Häufigkeitvon Migräneattacken zu senken, als Erfolgskriterium gilt eine Reduktion der Attacken um 50 %, häufig kommt es zusätzlich zur Reduktion der Attackenlänge und Attackenschwere. Notwendig sind prophylaktische Therapiemaßnahmen auch, um die Entstehung eines Kopfschmerzes durch Analgetika oder Triptanübergebrauch zu verhindern. Analgetika, eingenommen an mehr als 15 Tagen im Monat sowie Triptane, eingenommen an mehr als 10 Tagen im Monat, können paradoxerweise die Frequenz einer Migräne erhöhen und zu einem nahezu täglich auftretenden
Dauerkopfschmerz führen, der dann eine Einnahmepause der Akutmedikation erforderlich macht, die mit einem Entzugskopfschmerz einhergehen kann. Wegen der Vorbehalte der Patienten gegen medikamentöse Prophylaktika, bei der neben Betablocker    auch    Antikonvulsiva    (Topiramat,    Valproat),    Antidepressiva (Amitriptylin) und Kalziumantagonisten (Flunarizin) zum Einsatz kommen können, sind viele Patienten auf der Suche nach alternativen und nichtmedikamentösen Therapieverfahren. Über 80 % der Patienten, die sich in Kopfschmerzambulanzen vorstellen, haben alternative Therapieverfahren ausprobiert, an erster Stelle steht hier die Akupunktur, die von 58 % der Patienten bereits versucht wurden, 46 % folgen Massage und Physiotherapie sowie 42 % der Patienten folgen Entspannungsverfahren. Hauptmotivationsfaktor ist der Wunsch, „nichts unversucht zu lassen“ mit 64 % sowie der Wunsch, selbst aktiv gegen die Erkrankung zu werden und somit die wahrgenommene Selbstwirksamkeit zu steigern mit 56 % [1].

Sport als Auslöser von Kopfschmerzen

Bei einem kleinen Teil der Menschen kann sportliche Aktivität Kopfschmerzen auslösen, dies wird als „Anstrengungskopfschmerz“ beschrieben und wird bei unterschiedlichsten    sportlichen    Aktivitäten    berichtet    (z.B. Gewichtheberkopfschmerz). Häufig ist dieser Kopfschmerz auch mit Kopfschmerz beim Husten (Hustenkopfschmerz) oder einem Kopfschmerz bei sexueller Aktivität vergesellschaftet.

Sport zur Migräneprophylaxe

Zu Sport- und Physiotherapie gibt es in den gängigen Therapiehandbüchern und Leitlinien Empfehlungen, die jedoch überwiegend nicht den Anforderungen der modernen evidenzbasierten Medizin genügen [2, 3, 4]. Nach Dittrich empfinden 86,6 % der Patienten Sport als hilfreich gegen die Migräne. Eine aktuelle Studie (Lüthje S, Darabaneanu S, Ferstl R. Wirkung von Sport auf die Migräneerkrankung. Experimentelle Untersuchung zur Wirkung von kardiovaskulärem Ausdauertraining auf die Intensität, Häufigkeit und Dauer der Migräneerkrankung. 2009) konnte zeigen, dass ein 10-wöchiges kontrolliertes Ausdauertraining (Jogging) mithilfe eines dreimal pro Woche stattfindenden Trainings und einer effektiven Trainingszeit von 30 Minuten je Einheit bei einer Trainingsintensität von 60–75 % der maximalen Herzfrequenz die Migränesymptomatik (Schmerzintensität, Kopfschmerzhäufigkeit
und Attackendauer) reduziert. Voraussetzung scheint hierfür die Steigerung der kardiopulmunalen Leistungsfähigkeit zu sein. In der Fachliteratur ist unklar, warum sich Sport günstig auf die Migräneerkrankung auswirkt, d.h., ob neurophysiologische oder psychologische Mechanismen oder auch deren Wechselwirkungen einen Wirkzusammenhang darstellen. Studien zeigen, dass Ausdauersport eine ideale Möglichkeit darstellt, Entspannung (Reduzierung des Stresslevels), Empfindungen des Wohlseins und der gesteigerten Selbstwirksamkeit herbeizuführen.

Fazit

Folglich würde Sport dann den maßgeblichen Triggerfaktor Stress reduzieren. Auch wenn während der Attacke jede Bewegung unerträglich ist, entspannt und regeneriert regelmäßiger und ausdauernder Sport nach einem stressreichen Tag und könnte so zu einer Reduktion der Migränesymptomatik beitragen.

 

 

Autor

Dr. med. Charly Gaul

E-Mail: charly.gaul@gmx.net

Literaturhinweis

[1] Gaul C, Eismann R, Schmidt T, May A, Leinisch E, Wieser T, Evers S, Henkel K, Franz G, Zierz S. Use of complementary and alternative medicine in patients suffering from primary headache disorders, Cephalalgia. 2009;29:1069–78
[2] Gaul C, Busch V. Stellenwert und Physiotherapie, Massage und Lymphdrainage in der Behandlung der Migräne. Schmerz 2009;23:347-354; [3] Busch V, Gaul C. Exercise in Migraine Therapy – Is There Any Evidence for Efficacy? A Critical Review. Headache 2008;48:890-899
[4] Busch V, Gaul C. Sport bei Migräne. Schmerz 2008;22:137-47

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