Teil 2: Sport und körperliches Training mit Krebspatienten

Es ist noch nicht allzu lange her, da lautete die eindeutige medizinische Empfehlung: „Krebspatienten müssten sich aufgrund der intensiven medizinischen Therapie schonen. Bewegung oder gar körperliches Training schade während oder auch direkt nach der Krebsbehandlung.“ Auch wenn diese „Empfehlung“ heutzutage immer noch viel zu häufig gegeben wird, hat mittlerweile ein deutliches Umdenken auf diesem Gebiet stattgefunden. Denn aus wissenschaftlicher Perspektive muss letztendlich nahezu der Umkehrschluss empfohlen werden: Moderates Training ist für Krebspatienten überlebenswichtig.

Sport erhöht die Überlebenschance!

Anlass für den nun stattfindenden Paradigmenwechsel gaben zahlreiche wissenschaftliche Studien, die zum Teil weit in das letzte Jahrhundert hineinreichen und zunächst nur beobachtender Natur waren (siehe Teil 1 „Schützt ein körperlich aktiver Lebensstil vor Krebs?“). Erste Untersuchungen zu den Wirkungen von gezielten sportlichen Interventionen bei Krebspatienten wurden dann Ende der 80erJahre veröffentlicht. Mittlerweile existiert eine Vielzahl solch interventioneller Studien. Dabei wurden bislang zahlreiche Tumorarten von Brust- über Darm- bis hin zum Bauchspeicheldrüsenkrebs untersucht und in anderen Studien bestimmte „Behandlungssettings“, wie beispielweise die hämatopoetische Stammzelltransplantation oder die Strahlentherapie näher beforscht.

Wer rastet, der rostet

Die frühen Studien waren in erster Instanz immer bestrebt zunächst die Unschädlichkeit von körperlichem Training bei bestimmten Tumorformen und/oder Behandlungsansätzen zu belegen. Später standen dann die Fragen der Wirksamkeit im Mittelpunkt. Die zentrale Aussage der bis heute durchgeführten Untersuchungen kann dabei wie folgt zusammengefasst werden:

Fragen Sie ihren Arzt und suchen Sie sich einen erfahrenen Trainer
Ein strukturiertes körperliches Training ist für viele Krebspatienten nach, aber auch schon während der Krebstherapie unter Beachtung sicherheitsrelevanter Parameter (zum Beispiel durch regelmäßige Blutbildkontrolle) möglich. Krebspatienten sollten jedoch nicht auf eigene Faust trainieren. Vor dem Beginn sollten sie sich eingehend professionell beraten lassen und - je nach Behandlungsphase - auch nur unter professioneller Betreuung und Überwachung trainieren.

Sport wirkt – aber wie?

Die in den Studien berichteten Effekte von körperlichem Training sind vielfältig. Unstrittig ist, dass die Lebensqualität positiv beeinflusst werden kann sowie das Krebspatienten an Ausdauer- und Kraftleistungsfähigkeit (je nach Trainingsart) gewinnen. Darüber hinaus berichten einige Studien von weniger Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Schmerzen (bedingt durch die medizinische Therapie), andere von einer positiven Beeinflussung der Stimmungslage, die sich in weniger Depressivität und weniger Angstzuständen äußert. Weiterhin zeigen erste Studien eine positive Beeinflussung prognose-relevanter Faktoren, sogenannten Biomarker. Hier konnten positive Einflüsse von körperlichem Training auf Entzündungsparameter, Hormonspiegel oder auch DNA-Reparaturmechanismen nachgewiesen werden. Auch die positive Beeinflussung des Immunsystems scheint durch ein moderates Training möglich zu sein, wobei die derzeitige Studienlage nicht eindeutig ist.

Mit Sport gegen die Fatigue

Ein Paradebeispiel für die positive Wirkung von körperlichem Training während und nach Krebstherapie ist der therapeutische Einfluss auf das häufig auftretende Müdigkeits- beziehungsweise Erschöpfungssyndrom, das Fatigue genannt wirkt. Zwischen 70 - 100% aller Krebspatienten berichten mehr oder weniger langanhaltend von dieser Symptomatik. Sport, insbesondere Ausdauertraining, gilt in diesem Zusammenhang als die effektivste und nachhaltigste Methode zur Behandlung dieser Symptomatik. Medikamentöse Therapieansätze sind derzeit nicht überlegen, da sie vor allem das Risiko von Nebenwirkungen haben.

BEATE ist speziell für Brustkrebspatientinnen

Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg können Patientinnen, die an Brustkrebs erkrankt sind und eine Chemotherapie erhalten an einer Sportstudie teilnehmen. In der BEATE-Studie vergleichen die Forscher zwei unterschiedliche Trainings. Im besonderen Fokus steht das Erschöpfungssyndrom, die Fatique. Nähere Information finde Sie hier: http://www.nct-heidelberg.de/de/nct/news/2010/2010-05-19-Brustkrebspatientinnen-fuer-BEATE-Praeventionsstudie-gesucht.php

Aktiv gegen den Krebs statt passiv

Neben den unterschiedlichsten Effekten die bislang durch die Studien berichtet wurden, scheint eine Sache sehr von Bedeutung zu sein, die wissenschaftlich meist nur am Rande Beachtung findet. Körperliches Training gibt dem zur Passivität „verdammten“ Krebspatienten (warten auf den Erfolg einer Chemotherapie oder Bestrahlung) die Möglichkeit etwas für sich selbst zu tun. Sport versetzt die Person in die Lage aktiv am Behandlungsgeschehen teilzunehmen und sich selbst als handelnd und beeinflussend wahrzunehmen. Die Psychologie beschreibt dieses Phänomen als Selbstwirksamkeit.

Offene Fragen fordern neue Studien

Ein Problem der derzeitigen wissenschaftlichen Lage ist es jedoch, dass ein großer Teil der bislang durchgeführten Interventionsstudien überwiegend Brustkrebspatientinnen untersucht haben. Deshalb gibt es für andere Krebserkrankungen eine wesentlich schlechtere Datenlage oder gar keine Aussagen. Zudem existiert auf wissenschaftlicher und praktischer Ebene noch eine Vielzahl von weiteren Fragen, die derzeit nicht beantwortet werden können. So ist beispielsweise unklar, welches Training ist für Krebspatienten effektiver ist: Isoliertes Ausdauertraining oder Krafttraining oder gar eine Kombination aus beiden? Ist Sport bei jeder Krebserkrankung sinnvoll (zum Beispiel Lungenkrebs)? Muss es spezielle Trainingsprogramme für spezielle Krebsarten oder für spezielle Krebstherapien geben? Diese und noch zahlreich weitere Fragen, müssen die Wissenschaftler erst noch beantworten.

Fazit: Das Ende der Schonzeit

Abschließend lässt sich somit festhalten, dass Interventionelle Studien zeigen, dass Krebspatienten bei Berücksichtigung sicherheitsrelevanter Faktoren ein körperliches Training durchführen können. Es ist zu erwarten, dass sich dieses Training positiv auf die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität auswirkt. Weitere positive Effekte fanden die Wissenschaftler auch auf psychischer Ebene und für Prognose relevante Biomarker. Besonders wichtig scheint vor allem die durch körperliches Training erlebte Selbstwirksamkeit sein, die dem Patienten eine aktive Teilnahme am Behandlungsprozess ermöglicht. Deshalb sollte der begonnene Paradigmenwechsel „angepasstes körperliches Training statt Schonung“ weiterhin vorangetrieben und jedem Krebspatienten ein aktiver Lebensstil empfohlen werden, wobei ein gezieltes körperliches Training erst nach eingehender professioneller Beratung und entsprechender Diagnostik durchgeführt werden sollte.

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